How Useful is Useless?

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Twitter ist vor allem eins: Ein Selbstempfehlungstool.

Jedes neue Medium ist das Resultat einer bereits existierenden Kommunikationsbereitschaft.  Twitter macht etwas möglich, das als Wunsch schon länger existierte. Von Erfolgsgeheimnis also keine Spur.

Es ist ein Spiegelmedium, das  Strahlungen bündelt und reflektiert, die seit geraumer Zeit als Gedanken im Raum standen und eine Projektionsfläche suchten. Im Mittelpunkt steht das Selbstgespräch, das man öffentlich zugänglich macht. Eine Art mental-digitaler Kurzwarenhandlung, in der jeder, der reinschaut, etwas passendes finden kann. Entweder man zwitschert Dinge, die in ihrer kruden Banalität karriereverdächtig sind, oder man gibt designte Statements ab. Die erzwungene Kürze sorgt dabei für Überraschungen, nicht das Medium selbst.

Form und Inhalt der 140-Zeichen-Mantras tragen darüber hinaus den Charakter einer stakkatohaften Verweiskultur. Ähnlich wie bei hektischen Schlossführungen in der Hochsaison, verweisen die Beiträge je nach dem auf Anekdoten oder Sehenswürdigkeiten. Das Informations- und Mitteilungsbedürfnis der Akteure führt dazu, dass Schlossführer und Besucher ihre Rollen beliebig wechseln. Der Entdecker wird zum Entdeckten, die Entdeckung selbst bleibt Spielball einer in ihrer Relevanz nicht messbaren Vielleicht-Sensation.

Twitter fehlt ein Zentrum, der Fixpunkt. Und das, obwohl es sich als globaler Chatroom geriert. Aber es ist kein Raum. Wenn überhaupt, dann so etwas wie ein All, wovon wir ohne weiteres ‘All-es’ ableiten dürfen. Jedem steht jederzeit ein Fluchtweg offen.

Hinterlassene Botschaften gehen in eine ungewisse Treuhänderschaft über. Es ist auch die Neuauflage der Flaschenpost, deren Mitteilungen nur im Augenblick ihres Auffindens Neugier erzeugen. Was der ahnlungslose Finder danach mit der Botschaft tut, entzieht sich der Kalkulation. Verschließt man die Flasche wieder, und wirft sie zurück ins Meer, wird sie vielleicht an neuen Gestaden weitere Interessenten finden. All das geschieht in wenigen Sekunden - Twitter ist der Sekundenzeiger des Internets. Man kann auf ihn verzichten, aber für den Fortgang der Zeit selbst bleibt auch das Sekundenzählen unerlässlich.

Die schärfste Waffe des Mediums ist sein Charme-Potenzial. Das ist der G-Punkt Twitters, hier wird es beinahe sexy. Dahingetippte Bonsai-Euphorien wegen eines gerade erhaltenen Auftrags wechseln sich ab mit quasi-erotischen Speiseeiserfahrungen in der Mittagspause. Sixpackprofile kündigen den dritten Fitness-Studiobesuch des Tages an. Die hanseatisch- gesichtsgeschwärzte Maschinistin (es gibt nur Eine!)  blitzt mit gescheiten Links ins Blaue Wunder, brave Texterinnen legen Zeugnis ihrer Redlichkeit bei der Arbeit ab. Die juristische Fraktion bügelt mit Urteils-Links amtliche Plisséfalten ins ansonsten lebensnahe Twitter-Röckchen. Gute Verlage und versierte Zyniker reichen neue Bücher oder mit westlich inspiriertem Zivilisations-Uran angereichte Sätze weiter. Gefällt mir.

Sicher: Man kann sich seine Leute aus allen möglichen Kategorien suchen, doch wer will schon Gleiches mit Gleichem vergelten? Der Charme von Twitter liegt für mich im unordentlichen Cruising, im “hit’n'run” mikroskopischer Konzentrationsübungen, die ich überdies noch Dritten zumuten darf. Besser geht’s nicht, wenn man haushaltsübliche Psychotherapien als Payback-Erlebnisse gestalten will.

Was nun, wenn sich morgen früh, um 7.23 Uhr und 18 Sekunden, die Twitter-Server für immer verabschiedeten? Wie sähen unsere Ersatz- und Übersprungshandlungen aus?

Eine Therapieoption wäre vielleicht, an der Pinwand bei Rewe eine DIN-A6-Karte zu hinterlassen. 140 Zeichen, bestimmt zur Verwirrung Ahnungsloser.


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Kommentare( 7 )

Ja : Pinwand bei Rewe eine DIN-A6-Karte zu hinterlassen !

AS schrieb am 02 09 09 um 22:07

So ist besser. “Brandeins” kam mir vor wie Schüleraufsatz. “Sekundenzeiger des Internets” hätte ich mir unterstrichen. Der Zeitschweif ist sehr kurz - das ist wohl der wesentliche Unterschied zum “Makro-Blog”. Ein Eintrag erschlägt den nächsten. Interessant auch, das “bedeutende” und “unbedeutende” Absender völlig gleich sind. Die authentische Elizabeth Taylor ist keinen mm interessanter als irgendein amerikansicher Teenager (eher weniger). Genauso sind H. Schmidt’s Witze kein bisschen besser als die vieler anderer (deine Bemerkungen meist besser, jawoll). Oder “Tagesfang” meist müde im Vergleich mit vielem, was anonymen Selbstentblößern im Bruchteil einer Sekunde einfällt. Man müsste aber auch davon schreiben, was T nicht ist. Was mir auffällt ist eine fast panische Angst vor Diskussion und Gegen-Gedanken. Ursache ist wohl die Gier nach großer Zuhörerschaft. Das führt zu einer Anpassungsbereitschaft an das allgemeine Gesprächsniveau wie auf einer Cocktail-Party. Verschiedentlich in den Ausschnitten, die ich kenne. Die permanente (vorgespielte?) Fröhlichkeit geht mir schon auf den Keks.

Fritz schrieb am 03 09 09 um 08:27

“Was mir auffällt ist eine fast panische Angst vor Diskussion und Gegen-Gedanken.”

Die Beobachtung teile ich. Passt irgewie zum Trend, dass die Leute große Scheu haben, sich öffentlich und individuell zu bekennen. Es scheint Ängste zu geben und man ist vorsichtig - trotz aller zur Schau gestellten oder echten guten Laune.

Remy schrieb am 04 09 09 um 09:58

Vielleicht werde ich nächste Woche einmal aus experimentellen Gründen mit jemanden eine Streiterei anfangen (”Verstecktes Theater”). Oder man eine Twitter-Podiumsdikussion, per Hashtag oder Tinychat (gestern entdeckt, Chatbeiträge können direkt in Twitter erscheinen). Wäre nur schwierig, das Publikum davon abzuhalten, dauernd doof dazwischen zu quatschen, bei Tinychat allerdings möglich, den Raum abzuschließen … mal gucken. Man muss ja nebenbei auch noch was schaffen.

Fritz schrieb am 04 09 09 um 10:30

Vielleicht werde ich nächste Woche einmal aus experimentellen Gründen mit jemanden eine Streiterei anfangen (”Verstecktes Theater”). Oder eine Twitter-Podiumsdikussion, per Hashtag oder Tinychat (gestern entdeckt, Chatbeiträge können direkt in Twitter erscheinen). Wäre nur schwierig, das Publikum davon abzuhalten, dauernd doof dazwischen zu quatschen, bei Tinychat allerdings möglich, den Raum abzuschließen … mal gucken. Man muss ja nebenbei auch noch was schaffen.

Fritz schrieb am 04 09 09 um 10:31

Na denn man tau: Empfehle mich! ;)

Prinz Rupi schrieb am 05 09 09 um 12:34

Was passiert, wenn Twitter für immer geschlossen würde? Dann würde auf andere Microblogging-Alternativen wie identi.ca oder andere auf laconi.ca basierende Dienste umgestiegen werden. Was sogar zu begrüßen wäre, da sich das Microblogging dadurch von Twitter emanzipieren und damit wie E-Mail oder das WWW zu einem dezentralen Dienst des Internets werden würde.

Matthias Zellmer (@Zellmi) schrieb am 05 09 09 um 13:27

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