Crowdsourcing? Crowdleeching? Oder die Zukunft der Klassischen Werbung?

Mit knapp 6 Milliarden Euro Umsatz (2007) und fast 38tausend Mitarbeitern weltweit darf man sich “Marke” nennen. Aber fette Zahlen alleine genügen noch nicht. Man muss auch überzeugend fleischorangefarbene Hemden tragen können. Erst dann strahlt die Sonne am Markenfirmament so richtig grell-kariert.

Dieser Erfolg ist sicher auch das Verdienst von Werbern, vornehmlich derer der Agentur Jung / von Matt, die erst seit gut zwei Jahren den Werbe-Etat verhackstücken. Unter dieser Agenturmarke versammeln sich Kreative, um dem Megatrend ‘Selbstness’ den unwiderstehlichsten Komplizen-Baumarkt zur Seite zu stellen. Mit Erfolg. Die Markenwerber von Jung / von Matt haben ganze Arbeit geleistet.

Jetzt starten die Hamburger ein Experiment mit sich selbst: Die professionellen Werber haben einen Wortbaukasten zusammengestellt, aus dem Kunden und Selbstberufene Radiospots für den Baumarktriesen basteln können. Selbst vor einem neuen Claim macht dieser Social-Media-Crowdsourcingversuch offenbar nicht halt. Für die besten Ideen wird es Einkaufsgutscheine geben und der beste Spot - ermittelt durch Online-Voting - wird ausgestrahlt.

Da stellt sich die Frage, ob aus einem Kampagnen-Gag nicht auch eine Argumentation gegen Kreativhonorare werden könnte. Wenn Obi-Kunden und andere Autodidakten erst einmal ihre Online-Kreationsschmiede gründen dürfen, könnte der nächste Schritt ein Online-Voting zur Bekleidung der Obi-Marktmitarbeiter sein, oder zum Sortiment, oder zu einem beliebig anderen Thema des Markenauftritts.

Denkt man das Ganze mal störungsfrei zu Ende, könnte sich daraus eine hübsche Prometheus-Pandora-Travestie ableiten. Die sich göttlich wähnenden Kreativen fordern die Allmacht des Zeus heraus, den sie tatsächlich mit einem ihrer Werbemätzchen täuschen. Der rächt sich aber, schickt Pandora, um Prometheus zu foppen. Wie geplant, verfällt der ihrem Liebreiz und sie öffnet den Deckel. Alle Übel kommen heraus gekullert - nur die Hoffnung bleibt drinnen.

Mit anderen Worten: Social Media wird zu Social Advertising. Die Werbegottheiten von heute verlieren ihr Monopol, steigen zu Halbgöttern herab, bis sie schließlich nur noch eine ferne Erinnerung an olympische Zeiten sind. Für Konzerne wie Obi kann diese Rechnung aufgehen. Die Agentur wird zum Notariatsgehilfen online gewählter Kundenwerbung. Hier und da ein bisschen nachschneiden, die Locken legen, oder den Nacken ausrasieren, das war’s. Wer könnte den ‘vox claimus’ noch vom ‘claimus agenturis’ unterscheiden?

Quelle:

http://www.wuv.de/nachrichten/unternehmen/obi_nimmt_die_kunden_in_die_pflicht


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