Eine kurze Geschichte der Social Media

Was bisher geschah:

Anno Domini 1993. Das World Wide Web flüchtet aus den Nebeln militärisch-geheimdienstlicher Kommunikationsmoore in die Freiheit. Niemand ahnt, dass diese Freiheit in 20 Jahren eine andere Welt erschaffen wird.

2000

Bereits zur Milleniumswende zeigen sich erste Lichter am Horizont.

“New Economy” hießen die Leuchttürme, die am Ende keine waren. Aber das Licht war echt. Es sollte in anderen Stärken und Formen wiederkehren….ein paar Jahre später. Die Revolution rumorte als tiefer Erdrülpser weiter. Wenige vernahmen das Kommende.

Vor allem die Könige und ihre Hofstaaten sind noch völlig ahnungslos…


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Unser Foto zeigt Könige, Fürsten, Herzöge, Grafen, Barone sowie diverse Hofschranzen während einer Ü50-Party.

Nebenberuflich sind sie Verleger, Vorstandsvorsitzende, Bänker, TV-Bosse, Journalisten, Medienmacher, Filmproduzenten, Chefs von Werbeagenturen und Politiker.

Kennt man ja: Die Party tobt, aber draußen ist’s schon glockenhell. Doch es war die letzte Party so gänzlich “entre nous”. Technologien und User derselben rütteln schon an den Absperrungen und Toren.

Wir schreiben das Jahr 2004

“Warum essen sie denn keinen Kuchen?”

(Marie-Antoinette zu ihrer Zofe, nachdem sie der Königin mitgeteilt hatte, dass “die Leute” draussen hungern - vor allem nach Freiheit)

Bereits seit Mitte der Neunzigerjahre hatte sich ein Teil des Volkes heimlich selbständig gemacht. Und im Jahr 2004 gab es auf einmal 20 Millionen Blogs.

Eine Gegenöffentlichkeit zur Veröffentlichten Meinung war entstanden. Ratlosigkeit bei Hofe, Nervosität macht sich breit. Es will will doch nicht etwa jeder seine eigene Meinung? Eilig schaut man im Duden nach. Tatsächlich! Da steht ‘Meinung’!

“Wäääär waaaar dasssss?”


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Die Welt um 2005

Unsere Korrespondentin, Fräulein Marianne, hatte zwar eine leichte Fahne, war aber nüchtern genug, um das Volk über die Absperrungen zu führen. Die Dinge waren nicht mehr aufzuhalten. Welche “Dinge” eigentlich?

Das Ding mit dem Video, zum Beispiel. Man kann sie im Wohnzimmer produzieren und anschließend hochladen. Es kostet nur den Bruchteil an Zeit und Geld, verglichen mit der Zeit vor 2005. Neben offiziellen Bildern der Staatsmedien oder Reklamesendern, können wir heute den tödlichen Steckschuss, mit dem ein iranischer Geheimpolizist eine Demonstrantin tötet, fast live miterleben. Die Tagesschau übernimmt Youtube-Filme einer Privatperson. Solche Dinge eben.

Aufruhr bei Hofe. Aus Nervosität wurde Hektik. Erste Verzweiflungstaten kündigen sich an ….

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Mit Web 2.0

war die Geduld

des Ancien Regime

zu Ende.

Die Nerven auch.

Könige, Fürsten, Herzöge und Schranzen lassen aus allen Rohren feuern. Das Feuilleton sagt: ‘Blogs? Braucht kein Mensch!” und kichert doof. Aber natürlich sind sie total nervös. Vor allem gekränkt, da sie erkennen müssen, dass es keinen Grund mehr zur Eitelkeit gibt, wenn erst einmal tausende anderer Wortbegabter zu Feder und Kamera greifen. Ungefragt und doch von einem Millionenpublikum beachtet.

Unternehmer meinen “Social Media? Rechnet sich nicht!”, und versenden ihr millionstes Direct-Mailing. Aber natürlich sind auch sie beunruhigt, da sie merken, dass sich ihre Kunden untereinander über ihre Produkte unterhalten. Und das vor einem Millionenpublikum. Sowas hätte es früher nicht gegeben. Aber jetzt? Nicht mehr nur das Produkt hat eine Stimme sondern auch die, die es kaufen. Die Konsumentenrevolution geht soweit, dass Kunden die Beschaffenheit eines Produktes bestimmen.

Parteizentralen spotten: “Social Media? Damit werden wir auch noch fertig!”. Aber natürlich merken sie, dass das Wahlvolk sich von den manipulierten Parteimedien abwendet und sich von Jahr zu Jahr eine immere differenzierte eigene Meinung leistet. Oder gar keine, oder eine völlig andere. Politik und Politiker stehen unter Beobachtung. Die Hofberichterstatter und Saufkumpeljournalismus beherrschen das Meinungsterrain nicht mehr allein. Die korrumpierte Meinungmache gerät ins Visier der Social-Media-Fahnder.

Die ganz Schlauen meinen, “Social Media? Das gibt sich wieder, ist ein Hype.” Aber natürlich sind das die größten Angsthasen, weil sie gar keinen Plan mehr haben, wie sich die mediale Welt entwickeln wird. Sie hatten schon Fräulein Marianne nicht kapiert.

Die Dinge geraten in atemberaubender Geschwindigkeit ausser Kontrolle. Youtube, Facebook, StudiVZ, Wer-Kennt-Wen, FlickR, MySpace, Xing, Twitter etc.


Wir schreiben das Jahr Heute

Social Media hat die Kommuniaktion verändert. Vergleichbar mit dem Ende der Eiszeit, wo das sich  zurückziehende Eis vollkommen neue Landschaften hinterließ.

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Social Media ist kein Spartensender mit Einschaltquoten. Es ist gar kein Sender. Es ist auch nicht “viele Sender”. Es ist die logische Dynamik, die sich parallel zu den jeweils neuen, zur Verfügung stehenden Technologien entwickelt und sich seiner Internet-DNS entsprechend bedient und ausweitet. Neben der Informationsbeschaffung und -übermittlung als primäre Sinngebung, ist Social Media die zweite Sinn- und Bewusstseinsstufe im Internet.

Fotos: Wikipedia, gemeinfrei. Copyrights abgelaufen, oder wegen zu geringer Schöpfungshöhe nicht schützbar.


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Kommentare( 6 )

Sinn, Spaß, Spitzen, Optik, was will Leser noch mehr? Zum Inhalt ich mal wieder: yeah. 8-)

Knut O.E. Pankrath schrieb am 12 02 10 um 13:44

Ich weiß aber nicht, wie Sascha Lobo das sieht!

Mark vom Hamburg schrieb am 12 02 10 um 14:29

Das weiß ich auch nicht. Aber: Ist das sehr wichtig, es zu wissen? Grüße ;-)

Remy schrieb am 13 02 10 um 11:12

Hallo Herr Remy,
wie so oft: ein schöner, einfallsreicher Artikel von Ihnen. Wenn ich persönlich seit der New Economy eines gelernt habe: trau keinem Trend, der nicht schon 20 Jahre hält. Damals behauptete auch jeder Börsenindianer, dass die Industrialisierung ein überbewerteter Hype gewesen sei. Dank New Economy wird alles besser. Pustekuchen. Fachlich bin ich ein großer Social Media Fan, es bleibt aber abzuwarten wann und wo die Bereinigung einsetzt. Bis dahin betrachte ich Social Media als einen Kanal von vielen und werde ihn, je nach Zielsetzung, auch neben Direct-Mailings einsetzen.

Sportliche Grüße, Ihr Nils-Peter Hey

Nils schrieb am 13 02 10 um 14:28

Hallo Herr Hey,

klar wird es eine “Bereinigung” geben. Man kann jetzt dafür sorgen, im Bereich Social Media Statur zu gewinnen, dann zählt man mittel- und langfristig zu den Gewinnern, denke ich. Leider sieht die Realität zur Zeit so aus, dass sich viele Kommunikationsagenturen noch nicht einmal mit dem Thema befassen, auch wenn sie aufgrund ihres Portfolios eigentlich dazu verpflichtet wären. Stichwort: Differenzierungsstrategie.

Grüße!

Remy schrieb am 14 02 10 um 21:04

Wer auch immer Herr Lobo sein mag - mir gefällt es ganz ausgezeichnet.

vera schrieb am 27 02 10 um 19:47

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