Twitteratio *** Tools’n'Fools
Bei Twitter herrscht ein ungewöhnlich zivilisierter Ton. Dabei ist es weit davon entfernt, zum Plauderkabuff zu verkommen, wo Leute chatten und sich virtuelle Drinks und Erdnußschälchen über den Tresen schieben. Noch herrscht entspannter Flow. Informationen, Verweise, Kurzkommentare, Blitznachrichten und immer wieder wertschätzende Zeichengebung. Vor allem ungeheuer witzige Wortschöpfungen und Sinn-Osmosen. So manche TV-Gag-Fabrik sieht daneben wirklich wie eine Fabrik aus. Der Fundus an Wortwitz und spontan wirkendender Schlagfertgkeit ist es, was das Medium für mich vor allem anderen auszeichnet. Die ‘Situation’ ist der Taktgeber.

Die Maulbreite des Schraubenschlüssels orientiert sich am Durchmesser der Schraube, die man drehen will. Foto: Gerd Wrigge & Ilja Gerhardt, 2003, GNU-Lizenz für freie Dokumentation.
http://de.wikipedia.org/wiki/GNU-Lizenz_f%C3%BCr_freie_Dokumentation
Hier ein paar Trips, wie man sich trotz (oder wegen) nur 140 Zeichen differenzieren und profilieren kann, ohne den größten Twitter-Fauxpas überhaupt zu begehen: omnipotent zu erscheinen.
Nicht mehr als 20 Tweets pro Tag. Auch nicht unbedingt täglich auszuschöpfen. Anwesenheitspflichtgefühle bei Twitter führen in die Irre. Niemand führt Listen darüber. Man ist da oder nicht. Keine Hypertweetilation! Das Followerkonto steigt vielleicht langsamer, dafür sinkt die Fluktuationsrate. Was will man mehr im Moment?
Jeder Tweet ist eine lakonische Stilübung. Er kommt am besten an, wird öfters retweetet und schärft die Wahrnehmung bei Dritten. Wer den lakonischen Stil geschickt kultiviert und ihm treu bleibt, wird schneller erkannt und gemerkt.
Onlineshopbetreiber sollten sich auch als Light-Entertainer profilieren. Nur Shoplinks pusten, ist öde und stößt auf Ablehnung. Besser ein Mix aus Shoplinks und Mainstreamflitter. Produktverwandte Links zu Unterhaltungs-, Profan- und Lifestylethmen gehören zur Pflicht. Mode, Horoskope, Trends, auch mal Skurrilitäten. Gern gesehen: Links zu Statistiken und Mafos. Das Netz ist voll davon. Enrichissez-vous!
Tweets der Follower wirklich querlesen. Interessantes retweeten, oder mit „RT“ individuell kommentieren. Letzteres ist wirksamer. Das Anlegen von Listen ist eine sinnvolle Archivmaßnahme, aber ist auch nicht zwigend. Sie dienen dem persönlichen Überblick und sind Zeichen besonderer Wertschätzung. Ich war bislang zu faul dazu.
#ff-Ritual geht klar, solange die Zahl der Follower überschaubar ist. Trotzdem sollte man ab und zu dieser liebenswerten Schrulle huldigen, einfach um sich dem Fluss und Floß erkenntlich zu zeigen, mit dem man schließlich selbst schwimmt. Einen inneren Zwang sollte man aber nicht verspüren, andere grüßen zu müssen. Ein individuelles #ff zwischendurch ist immer eine gern erlebte Überraschung.
Wer zehnmal so vielen Leuten folgt, wie die Zahl der eigenen Follower anzeigt, gilt zumindest als ambitioniert. Wer Twitter gar als Vorstufe zur CRM-Datenbank sieht, und womöglich noch den DM-Button wie ein Stroboskop benutzt, ist raus. Ich schaue mir die ersten beiden Tweetseiten eines neuen Followers an, seine „Bio“ und das Foto. Meistens ist dabei der erste Eindruck der richtige.
Es gibt viele Stimmen, die vor dem Einstellen von privaten Sequenzen ins Netz warnen. Das sehe ich zumindest im Fall von Twitter differenzierter. Wer über eine gute Intuition verfügt, wird sich nicht kotzend bei Twitpic verewigen und es auf der Twitter-Timeline sicherheitshalber noch mal um den Globus senden. Das Foto vom Kater auf dem Schrank, der Besuch beim Bäcker, oder das Tresenbild in einer Bar, kann nicht beunruhigend sein. Wer also das Gefühl hat, noch über bürgerliche Schamgrenzen zu verfügen, kann sich kleine Türschlitze ins Private leisten. Ich muss der Welt nicht mitteilen, dass ich angetrunken bin, kann aber verraten, dass ich mich gerade köstlichst amüsiere.
Bonmot-Kulturen sind mit das beliebteste, was ein Medium bieten kann. Es ist kein Zufall, dass das gute alte Zitat niemals ausstirbt. Mit wenigen Worten kann man die Aufmerksamkeit von Menschen gewinnen, und sie sind dankbar dafür. Man kann auf Bekanntes aus der Zitatedatenbank zurückgreifen, oder, wenn der eigene Esprithaushalt es zulässt, mit Eigenkreationen glänzen. Die für Twitter eigens eingerichteten Bonmot-Archive zeigen deutlich, wie hoch die Wertschätzung für den Sekunden-Esprit gehandelt wird.
Das „Ich-Tool“ Twitter zeigt, dass es ohne die anderen „Ichs“ kein eigenes Ich geben kann. Den Balanceakt zwischen Mainstreamverhalten (Schwarm) und der Herausbildung eines eigenen Sekundenprofils, verlangt nach Verzichtbereitschaft. Immer öfters erwische ich mich dabei, wie ich eilig hingetippte Tweets wieder lösche. Das “Twitter-Ich“ lebt von ganz bestimmten Ausdehnungen. Weder Omnipotenz noch sporadisches Reinschneien bringen was.
P.S.
Es geht schnell mal vergessen: Links zum eigenen Blog werden dann wertgeschätzt, wenn der Beitrag dort frisch ist. Auch mit einer kleinen Twitpic-Scharade kann man angenehm überraschen. Privates kommt gut an, aber auch Momentaufnahmen aus dem Alltag besitzen ihren Reiz. Links zum “Ich-Pool” sind ein Vertrauensbeweis des Linksetzers in die Anonymität. Aber wie gesagt, nur anders ausgedrückt: Man kann auch an der Oberfläche Charme versprühen. Vielleicht sogar nur dort ![]()
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Kommentare( 8 )
[...] Twitteratio *** Tools’n’Fools Blog von Volker Remy [...]
Bei Twitter herrscht ein ungewöhnlich zivilisierter Ton. | Kunden gewinnen … schrieb am 22 02 10 um 15:01[...] auch gleichzeitig seinen politischen Tod bedeuten kann. Möglicherweise hätte den Mann ein Twitter-Account gerettet. Dafür hätte es aber der Einsicht bedurft, dass sich der Kurznachrichtendienst und [...]
REMY - Gedankenbegleitservice schrieb am 24 12 10 um 17:47[...] dazu haben sich die Reaktionszeiträume verkürzt. Mit Web 2.0 und der massiven Konzentration auf Social-Media-Plattformen (<Link) hat sich der Kommunikationsradius der Konsumenten immens erweitert. Hier liegen die [...]
REMY - Gedankenbegleitservice schrieb am 03 08 11 um 13:12Oliver Schuh schrieb am 09 02 10 um 18:48Hallo, Herr Remy,
eigentlich bin ich ja der Ansicht, daß die Listen der Benimmregeln für Twitter, Social Media und Co. inflationäre Ausmaße annehmen. Was mich ja auch mal in Twitter zu folgender These animierte:
»Ich behaupte, in dem Moment, wo Social Media von Experten beherrscht wird, ist es kein Social Media mehr. ;-)«Aber Ihre Ausführungen kann nachvollziehen ohne das sie mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen.
Gefällt mir sehr gut.
Gruß vom Elbstrand
Oliver Schuh | agd | die gebrauchsgrafiker
torsten schrieb am 09 02 10 um 19:16Wunderbar erläutert. Das sollte ein neuer User bei Twitter automatisch zugesendet bekommen. Und drei Monate später nochmal
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Remy schrieb am 09 02 10 um 19:49Danke euch beiden
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zehnbar schrieb am 09 02 10 um 22:39Lieber Herr Remy,
wie schön Sie das auf den Punkt bringen. Besonders gut gefällt mir der Begriff Hypertweetilation. Auch so ein Bonmot.
Mehr davon
Herzlichst
Maren Martschenko
Remy schrieb am 10 02 10 um 13:21danke
“Hypertweetilation” - ein Alltagsphänomen.


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