“Na, was machste so?” “Och….”
Ein Berliner Nachmittag. Einakter in 5 Szenen.
Szene I
Als Fan des ‘Spätsowjetischen Barock’ war mein Besuch im Steglitzer Einkaufszentrum Das Schloss einfach Pflicht. Etliche Einladungen aus dem Freundeskreis hatte ich bereits ausgeschlagen, aber diesmal lagen Zeitpunkt und persönliche Nähe günstig beieinander. Es liegt für meine Wege ein wenig zu weit südwestlich, was natürlich den Potsdamer Konsumadel anmiert, dort mal eben vorbeizuschauen.

Das einer prächtigen Moskauer U-Bahnstation der Stalin- und Breschnewära nachempfundene Politbüro-Disney setzt voll auf den neuen Trend: flachatmiger Konsum, gespickt mit neckischen Highlights durch prall gefüllte Luxusauslagen bekannter Marken. Da ist beispielsweise die Wellness-Sitzgruppe. Eine Sesselformation, in der man sich für zwei Euro die einkaufsgestresste Nacken- und Wirbelmuskulatur durchwalken lässt. Ich kann den Massagesessel nur empfehlen. Der hohe Zuspruch bei Leuten unter dreißig lässt darauf schließen, dass die konsumbedingte Früherschöpfung möglicherweise zu den neuen Trend-Krankheiten unserer Epoche avanciert.

Neben den monumentalen Augenblicken des Steglitzer Konsumtempels spätsowjetischer Prägung, faszinieren auch feine Details.


Im Gourmetbereich strahlen die fünf Kontinente von sehr weit oben auf die Gäste herab. Mit einer Bulette und einem köstlichen Salat der Firma Butter Lindner kommt man sich beinahe verloren vor in diesem Gegenwartsdom. Das Gefühl befreiter Bescheidenheit gewinnt an Wert, wenn man mit so wenig diesen Ort satt verlässt. Draußen stiftet die Welt der Stiftung Warentest Verwirrung. Cogito ergo sum.

Szene II
Nach soviel flachatmiger Konsumfreude kommt dieser Anblick gerade recht. Im Volkspark Wilmersdorf (der eigentlich zur Hälfte Schöneberg ist) steht ein ziemlich großer, runder Brunnen. Mitten in diesem Brunnen ragt eine Säule empor, auf der ein goldener Hirsch röhrt. Mein Blick fiel auf ein Kollektiv, das urplötzlich dort einfiel und unverzüglich mit Körperübungen begann. Ich nenne sie hier einmal “Strogger” - ein Neologismus aus Stretching und Jogging.

Von der ersten Sekunde an hatte ich den Eindruck, einer straff durchorganisierten Truppe gegenüber zu stehen, die sich in eiserner Selbstverpflichtung einer guten Sache hingab. Dennoch wirkte sie seltsam unverbissen, was mir sympathisch erschien.

Mit der immer populärer werdenden “Da-musst-du-jetzt-durch-Gesinnung” lässt sich eben auch ein Pensum bewältigen. Im Gleichklang der Bewegungen drückt sich die verstohlen geäußerte Sehnsucht nach dem Kollektiv aus. Es geht nicht mehr darum, den Inneren Schweinehund zu besiegen. Es geht darum, mit den Schweinehunden der Anderen etwas zu unternehmen. Der Rückgriff auf öffentliche Einrichtungen wie Brunnenumrandungen als Übungsstützen, ist eine Form der Inbesitznahme von Volkseigentum für einen guten Zweck. Ein Freund sagte mir, dass die Strogger dieser Gegend im Ruf einer Sekte stünden. Ich halte das für übertrieben, wenn nicht sogar für einen neidvollen Kommentar.
Szene III

Auf meinem weiteren Weg durch neubürgerliche Menschenzoos, fiel mein Blick auf eine geheime Botschaft in einem Baum. Durch vorsichtige Annäherungen an das Objekt wandelte es sich vom Wigmwam-Fetisch zum krisenfest manifestierten Recycling-Statement eines Zeitgeist-Ornithologen. Mit geradezu rührender Bestimmungsvorsorge hatte der Erbauer dieser Low-Concept-Volière einen Halmastab hineingebohrt, um dem potenziellen Besucher den höchstmöglichen Schaukelkomfort zu bieten.

Im Zeitalter der Selbsterklärungsversuche drängt es den Zweifelnden in die Öffentlichkeit. Nun, da ich die Heimstatt des Twittervogels entdeckt hatte, war es mir unmöglich, 140 Zeichen zu finden, um meine Berührtheit angemessen zu formulieren. Um es mit Rilke zu sagen:
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt.
(aus “Erste Elegie”, den “Duineser Elegien”, v. Rainer Maria Rilke)
Szene IV
Ganz anders verhält es sich, wenn die “nur gedeutete Welt” sich unversehens ins Reale wendet. Schockgefroren stand ich unter einem Straßenbanner des schwul-lesbischen Straßenfests in Schöneberg.

Nun ist mir klar, warum Sexualtherapeuten alle Hände voll zu tun haben. “Demokratischer Sex” ist nun wirklich das Letzte, was ich für wünschenswert hielte. Wenn Sex so langweilig geworden ist, dass man ihn mit einer Staatsform gleichsetzen muss, wird es nicht mehr lange dauern, bis jede Erregung ein Aktenzeichen erhält. “Bitte nehmen Sie bei einem neuerlichen Versuch Bezug darauf”. Die einstmals verruchte Welt der Gays trägt heute bürokratische Züge. Statements zum Thema ‘Sex” haftet etwas trauriges an. Offenbar sah das der Hausmeister im Rathaus Schöneberg auch so, als er die Flagge der Bewegung ganz heterosexuell auf Halbmast setzte.

Szene V
Es gibt ein paar Lokale in Berlin, wo in der unscheinbarsten Ecke ein Tisch mit einem Stuhl steht. Platz für einen Gast. Es sind in der Regel besondere Gäste, die hier (mehr oder weniger regelmäßig) dinieren und sinnieren. Meine Kamera lag auf der Lauer. Je länger nichts geschah um so deutlicher sah ich alles vor mir.

fotos: remy
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